Tellerrand

Tellerrand

Von Vanessa S. Kleinwächter am 4. Juni 2019 in Autorin

Die folgende Kurzgeschichte habe ich für das diesjährige „Hamburger Gast“-Stipendium geschrieben. [Mit anderen Worten: meins! Private Vervielfältigung mit meinem Credit ist okay, ungefragte kommerzielle Nutzung oder Verbreitung unter eigenem Credit nicht!]

Für einen der drei ersten Plätze hat es leider nicht ganz gereicht – aber sie stand wohl auf der Shortlist, yay! Und da der Wettbewerb nun beendet ist, kann ich sie euch auch endlich zeigen 🙂

In diesem Beitrag werden einige Themen angesprochen, über die nachzudenken unangenehm sein kann. Wenn du vorher wissen möchtest, welche, schaue bitte zuerst in die Schlagwörter unten.

Und dann halte ich ihn auf einmal wieder in den Händen. Diesen Teller, dessen feine Risse im Lack davon erzählen, dass er gefühlt hundertmillionen Jahre alt ist, mindestens. Jos Vater hatte ihn ihm damals zusammen mit einem Haufen anderen Kram in die Hand gedrückt und gesagt: Junge, geh studieren, dass was Ordentliches aus dir wird. Und dann ist sein Sohn hingegangen und ist Künstler geworden, und dann hatte er auf einmal keinen Vater mehr, nur noch einen Haufen Kram, von dem bei jedem Umzug ein Stückchen mehr verloren gegangen und bei jedem Wutanfall ein bisschen mehr im Müll gelandet ist. Sein Vater nämlich, der ja nur das Beste für ihn wollte undsoweiterundsofort, hat nicht mehr mit ihm geredet seit dem Tag, als er mit bunter Farbe in den Haaren und einem einzigen Chaos in den Umzugskartons das Haus verlassen hat. Und dann ist er heimlich, still und leise weggestorben eines Tages. Nur dieser Teller, der ist irgendwie immer noch da; der Mensch muss ja essen und dafür empfiehlt sich Geschirr. Was willste machen, um neue Teller zu kaufen müssteste aufstehen, und in die Stadt fahren müssteste, und da sind dann immer Menschen. Menschen waren dem jungen Jo am liebsten von ganz weit weg. Aber hey, zu seiner Verteidigung war dazuzusagen, dass auch Jo den meisten Menschen aus der Ferne am liebsten gewesen war. Ganz weit weg von ihren Kindern und diesen schicken Häusern, die sie sich geleistet hatten vom Geld irgendwelcher Jobs, die Jo schon beim Zuhören zum gelangweilten Gähnen veranlassten.

Schließlich hatte er dann angefangen, zu reisen; vielleicht ein bisschen auch aus Trotz gegenüber den Menschen, denen es eigentlich ganz lieb war, wenn er zu Hause blieb. Wenn er zu Hause auf seiner Matratze lag, Löcher in die ohnehin bereits löchrige Decke starrte und Texte auf Servietten und Werbeflyer schrieb; immer mit dem bleiernen Wissen, wie unerreichbar der Traum war, sich einst eine richtig schicke Gitarre zu kaufen und die Lieder auf der großen Bühne zu spielen, die ihm durch den leeren Kopf trieben. Klar hätte er sich einen anderen Job suchen können, wie so ein normaler Erwachsener (in Anführungszeichen und der Stimme seines Vaters), aber etwas kam ihm immer dazwischen. Ach ja, diese Sache mit dem Aufstehen und den Menschen und so. Und die Leere in seinem Kopf; vielleicht, weil darin ein Vater fehlte, der ihn in den Arm nahm, wenn alle Anderen Abstand von ihm nahmen, vielleicht auch wegen allem Anderen.

Reisen war auch nicht so einfach, wenn das Geld fehlte, aber es ging immer; nicht immer wie geplant, aber irgendwie. Woanders waren die Menschen auch anders, vielleicht auch ein bisschen, weil sie nicht wussten, dass Jo eigentlich hatte studieren sollen und ein normaler Erwachsener werden undsoweiterundsofort. So viele verschiedene Menschen, wie es auf der Welt gab, was sollte da schon normal sein? Irgendwie hatte Jo das ja immer gewusst, dass es gar kein Richtig gab und vor allem kein Falsch; schon seit er sich zum ersten Mal Farbe in die Haare geschmiert und Worte aufgeschrieben hatte, die seinen Vater nicht interessierten. Aber mit jedem Menschen, der seine Hand hielt statt Abstand, der ihm zuhörte statt zu gehen, ihm Briefe schrieb statt vor, wie er sein Leben zu leben hatte – mit jedem dieser Menschen hatte sich die Leere in seinem Kopf ein bisschen mehr zurückgezogen. Irgendwann war da Platz gewesen für Licht und Farben, für Liebe und Hoffnung, für Aufstehenwollen und Menschenmögen.

Irgendwann, viel, viel später, war einer dieser Menschen ich gewesen. Zusammen hatten wir bei ihm gelegen, nun auf einem gebrauchten Sofa statt auf einer Matratze ohne Bettgestell. Dann hatte Jo von der Welt erzählt, von der Welt da draußen und von der in seinem Kopf manchmal auch. Oft hatten wir einfach nur stundenlang dagelegen und geredet; nicht, weil das Leben uns so schwer vorkam, dass wir nicht aufstehen konnten, sondern, weil noch so viele Worte gesagt werden wollten zwischen uns. Manchmal waren wir dann sogar doch aufgestanden, und Jo hatte mir all die Teller gezeigt, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Viele waren es geworden mit der Zeit, ein ganzes selbstgezimmertes Regal voll. Nur zu dem Teller von seinem Vater hatte Jo nach dem ersten Mal immer geschwiegen. Und doch war er immer da gewesen, in dieser Sammlung von Erinnerungen in Geschirrform, der erste von ihnen allen.

Dann war ich älter geworden, und irgendwann hatte ich nicht mehr bei Jo auf dem Sofa gelegen und vor seiner Tellersammlung gesessen hatte ich auch nicht mehr. Langsam aber sicher hatte sich mein Leben gewandelt und meine Gedankenwelt auch; Fragen nach meiner eigenen Zukunft hatten die Geschichten von Jos Vergangenheit verdrängt.

Und jetzt kann Jo nicht mehr aufstehen, nicht mehr zum Reisen und nicht mehr zum Arbeiten und zum Musikmachen auch nicht mehr. Egal, wie weit, wie oft du reist – irgendwann kommt deine letzte Reise. Jetzt ist da nur noch dieser Teller in meinen zitternden Händen. Ich fühle mich, als würden mich all die Millionen Worte erschlagen, die Jo nun nicht mehr sagen wird – die ich ihm noch hätte sagen sollen. So viele Worte, die noch immer gesagt werden wollten zwischen uns. Als die ersten Tränen auf den Teller fallen, stelle ich ihn vorsichtig auf dem Tisch ab, um ihn nicht zu Boden fallen zu lassen. So einfach ist das nicht, denn der Tisch liegt voll: eine Gitarre, mehrere Notizbücher, wild verstreute Notizzettel. In all den Jahren mag Jo zwar glücklicher und selbstbewusster geworden sein, aber keinen Deut ordentlicher. Aber das ist okay, deshalb ist er ja auch Künstler geworden und nicht normal (in Anführungszeichen und der Stimme seines Vaters, die ich ihn ewig nicht mehr hab nachmachen hören).

Dass Jo ausgerechnet jetzt nicht mehr atmet, ist einfach nur unfair. So so so kurz war er davor, ein eigenes Album aufzunehmen; jetzt, wo das alles einfacher ist mit der Technik und dem Geld und so. Mit dem Aufstehen und dem Selbstvertrauen. Bald sollten die Notizen, die hier verstreut liegen, zu Musik werden. Endlich.

Das, was stattdessen passiert ist, war nicht geplant und auch nicht trotzdem irgendwie gut. Am liebsten würde ich wütend sein, aber ich weiß nicht, auf wen. Auf mich, dass ich so lange nicht mehr hier war, auf Jo, dass er einfach abgehauen ist, auf das Universum, wasweißich. Vielleicht auf uns alle oder auf keinen von uns. Ich dachte, wir hätten noch Zeit. Es ist der älteste und platteste Satz der Welt, aber er ist wahr, jetzt in diesem Moment. Ich dachte, wir hätten noch Zeit, irgendwann, aber wir haben keine Zeit mehr. Und ein Zeitgefühl habe ich irgendwann auch nicht mehr, als ich dastehe und weine und weine und weine.

Bei Einbruch der Dunkelheit schaue ich auf. „Nimm dir mit, was du möchtest“, hatten sie gesagt. Meine Wahl ist klar. Vorsichtig, langsam meinen Händen wieder vertrauend, nehme ich den Teller vom Tisch. Als ich ihn sanft in meine Umhängetasche gleiten lasse, fällt mir am Rand auf der Rückseite etwas auf. Ein Wort steht da geschrieben, und gedruckt oder geprägt ist das nicht. Es ist Jos Handschrift, und wie es aussieht, hat er das Wort auch einfach mit einem dicken Edding hingekritzelt: TROTZDEM.

Und das ist der Moment, in dem sich ein Grinsen auf mein Gesicht schleicht. Der Moment, in dem ein kleines Samenkorn Zuversicht neben mir auf den Boden fällt, an dem ich mental gerade liege. In dem ich weiß: Das Leben wird weitergehen, auch wenn Jo ausgestiegen ist. Irgendwie werde ich das alles hinkriegen, auch wenn in meinem Kopf gerade nach wie vor mehr Fragen sind als Antworten, mehr Traurigkeit als eigene Geschichten. Vielleicht wird eines Tages irgendwer Jos Lieder vertonen. Vielleicht werde sogar ich dieser Mensch sein. Vielleicht werde ich studieren oder vielleicht werde ich mir morgen die Haare bunt färben und mich mit erhobenem Daumen und einem Rucksack voll Chaos an die Straße stellen. Wer weiß das schon so genau. Vielleicht werde ich sogar die Notizen mal zusammensammeln, die in meiner Schreibtischschublade verstreut liegen, irgendwann, bald. Sie endlich mal sortieren und dieses Buch schreiben, das mir seit Jahren im Kopf herumschwirrt und es doch noch nicht aufs Papier geschafft hat. Solange ich die Zeit habe.

Im Grunde ist es ja auch egal, was ich mit meinem Leben mache: Immer einfach wird es ja ohnehin nicht. Aber immer irgendwie.

Trotz allem. Wie bei Jo.

 

Loslassen lernen.

Loslassen lernen.

Von Vanessa S. Kleinwächter am 9. April 2019 in Autorinnenleben, News

“Sommer 2019, das ist ja noch ganz schön lange hin!”, wird mir immer wieder vorgejammert, wenn ich vom Erscheinungsdatum meines Debütromans VERRATEN erzähle.

“Stimmt”, dachte ich mir Ende letzten Jahres, “da wäre doch eigentlich eine Vorfreude-Aktion cool!”

Ich taufte das Ganze auf den Namen #WartenAufVerraten und nahm mir vor, jeden Montag ein Zitat aus meinem Roman zu posten, schön unterlegt mit einem passenden Bild.

Ein paar Wochen ging das ganz gut.
Und dann…ging es das nicht mehr.

Wie das immer so ist im Leben, kam ständig irgendwas dazwischen, plötzlich war schon wieder Montag und ich hatte kein Sharepic zur Hand. Menno!

Und wie der Mensch dann auch immer so ist, wollte ich die Sache deshalb noch lange nicht aufgeben. Ein verpasster Montag, das fällt doch vielleicht gar nicht auf…ja na gut noch ein zweiter…ABER DER HASHTAG REIMT SICH DOCH SO TOLL, WÄRE DOCH SCHADE DRUM.

Ja, ist es auch.

Aber auch meine Protagonistin Nael muss im Laufe der Trilogie lernen, zu akzeptieren, dass es nicht immer so läuft, wie sie es sich mal so schön vorgestellt hat.

Und das Wichtigste dabei ist: Das ist okay!
Scheitern ist okay! Umplanen ist okay!

Deshalb beende ich #WartenAufVerraten an dieser Stelle auch ganz offiziell.

Vielleicht hilft das ja sogar der ein oder anderen Person, die das hier liest, sich von einer Aufgabe zu lösen, die ihr eigentlich schon längst zu viel ist, die sie sich aber bisher nicht überwunden hat, loszulassen. Oft ist das schwer. Aber manchmal notwendig.

Und hey – so habe ich mehr Zeit zum Schreiben 😉

Und wer ungeduldig ist, kann hier schonmal in das Buch reinlesen – wir hören voneinander!

Vorbestellung eröffnet

Vorbestellung eröffnet

Von Vanessa S. Kleinwächter am 23. November 2018 in Aktuelles, Autorinnenleben

Viele warten schon lange darauf, jetzt pünktlich zur BuchBerlin kann Verraten, der erste Band meiner Fantasy-Trilogie Die Scherben des Tyrannen, endlich vorbestellt werden! Wer sich ein wenig beeilt und bis zum Ende des Jahres vorbestellt, kann die ersten Schritte ins Universum ums Internat Kullë Guri und den Dunkelmagier Cabrysz schon vor Erscheinen des Buches gehen: Als Dankeschön gibt es die ersten elf Kapitel schon einmal als gratis Taschenbuch zum Einstimmen, Vorfreuen und Weitergeben. Zum Vorbestellungs-Shop geht es hier.

Meine erste Buchmesse (AHHHHHH!)

Meine erste Buchmesse (AHHHHHH!)

Von Vanessa S. Kleinwächter am 30. Januar 2018 in Aktuelles

Kennt ihr das Meme „Help I accidentally built a shelf“? So ging es uns gerade – nur mit der Erkenntnis: Hilfe, wir haben uns versehentlich zu unserer ersten Buchmesse angemeldet…

Zusammen mit drei Freund*innen aus dem NaNoWriMo-Forum werde ich also dieses Jahr zum ersten Mal als Ausstellerin bei der BuchBerlin dabei sein – unter dem Kollektivnamen Lunar Rainbow. Wir sind aufgeregt, freuen uns aber auch sehr!

Eine gemeinsame Leseprobe unserer vorgestellten Werke findet ihr hier.